
Inhalt
- Wie es anfing
- Was es mir brachte
- Wie ich EI heute praktiziere und anderen empfehle
- Was es bringen kann und was nicht
Wie es anfing
Seit gut anderthalb Jahren praktiziere ich (mittlerweile mehrmals) täglich eine Übung, die ich “Ehrliche Introspektion” nenne. Sie hilft mir, innere Vorgänge wie mit einer Lupe wahrzunehmen – auf den drei Ebenen von Körper, Gefühl und Geist. Ich teile sie hier, weil ich annehme, dass sie anderen ebenfalls nützlich sein kann.
Vergangenes Jahr wurde eine traumaheilende Praxis an mich herangetragen: “Ehrliches Mitteilen” (kurz: EM) von Gopal1, ein Protokoll zur Traumaheilung in Gruppen ohne therapeutische Intervention (dazu ein separater, ausführlicher Artikel später).
Ich las mich in die Materialien2 und das Buch3 ein, schaute mir Videos4 an. Allmählich hatte ich einen Eindruck davon, was mich in einer EM-Sitzung erwarten würde. In einem perfektionistischem Impuls entschied ich, die Praxis in der Gruppe für mich erst einmal selbst zu üben.
Allein und ungestört begebe ich mich in eine typische Meditationshaltung (sitzend ohne Rückenlehne, die Füße gekreuzt, Dhyana Mudra5). Auf folgenden Ebenen nehme ich wahr, was an Impulsen/Eindrücken kommt, ohne Reihenfolge, und benenne es (seinerzeit tatsächlich mit meiner Stimme):
- Körper: “Ich spüre an <Ort, z.B. Knie> <“Gespür”, z.B. Kribbeln>”, z.B. “Ich spüre an meinem linken Knie ein Kribbeln”.
- Gefühl: “Ich fühle <Gefühl>”6 , z.B. “Ich fühle Heiterkeit”
- Kopf: “Mein Kopf denkt, dass “, z.B. “Mein Kopf denkt, dass die Pflanzen gegossen werden sollten”.
Das so ca. 5-10 Minuten lang. Manchmal länger, manchmal kürzer.
Was es mir brachte
Als ich mit dieser Praxis begann, zeigte sich bei mir schon beim ersten Mal, dass irgendetwas nicht “stimmte”/im Einklang mit meinem “Selbstbild” war: Ich spürte (Körperebene) eine starke Verkrampfung im Bauchbereich und meinte, einen zarten Hauch von Wehmut (Traurigkeit) zu “fühlen”.
Beim dritten Mal dachte mein Kopf7, dass die Verkrampfung im Bauchbereich chronisch und seit Jahrzehnten im Körper versteckt sei. Beim ca. zehnten Mal brach eine Flut von Traurigkeit durch mich, die mich innerlich geradezu “umwarf”. Tiefschwarze, alles erdrückende Traurigkeit: Mein Kopf dachte, dass da Bilder von Personen waren, denen gegenüber ich mich immens destruktiv verhielt. Innere Narrative zerbrachen, die mir jahrzehntelang halfen, mein früheres Verhalten mir selbst und anderen gegenüber innerlich zu rechtfertigen.
Die Erkenntnis, insbesondere eine Person, die mich ungemein liebte und mir vertraute, besonders schändlich behandelt zu haben, half mir, mir selbst gegenüber diese Schuld (im Sinne Hellingers8: Schuld als Ingangsetzen destruktiven Handelns) überhaupt einzugestehen. Dann, die Folgen meines Verhaltens zu betrauern.
Mir wurde der körperliche Wunsch nach Bewegung und Luft bewusst – seit über einem Jahr laufe (jogge) ich täglich (heute: Tag 473).
In emotionalen Situationen (mein Kopf denkt, jemand agiere destruktiv gegen mich oder andere) reagiere ich deutlich gelassener und achtsamer: ich versuche die drei Ebenen wahrzunehmen, komme damit in den Beobachterzustand, was mir oft (aber nicht immer) hilft, in einer hitzigen Situation deutlich entspannter und achtsamer anderen udn mir gegenüber zu sein.
Körpersignale werden mir schneller und stärker bewusst – in meiner Wahrnehmung sind meine Reflexe deutlich verbessert, Entschlüsse, zu einer bestimmten Zeit zu einem Ziel aufzubrechen (Geschäftsreisen) oder einen bestimmten Weg einzuschlagen, treffe ich oft aufgrund des “Gespürs” mit für mich beeindruckender Richtigkeit. Ich kann körperlich wahrnehmen, wenn ich mit allem um mich herum “im Fluss” bin.
Wie ich EI heute praktiziere und anderen empfehle
Das “Protokoll” ist denkbar einfach:
Nimm Dich wahr 😀
Genauer: Versuche alles, was in diesen drei Bereichen…
- Körper
- Empfinden
- Denkmaschine
…Dir an Informationen bewusst wird, mit den folgenden Sätzen (exakt!) auszudrücken:
- Körper: “Ich spüre <Gespür>, “, z.B. “Ich spüre ein Jucken an meinem oberen rechten Rücken”, “Ich spüre Feuchtigkeit in den Handflächen”.
- Empfinden: “Ich fühle <Gefühl>“, z.B. “Ich fühle Heiterkeit”, “Ich fühle Wut”.
- Denkmaschine: “Mein Kopf denkt, dass “, z.B. “Mein Kopf denkt, dass ich wie gelähmt bin.”, “Mein Kopf denkt, dass die Situation gestern gefährlich war.”
Genauere Erläuterungen zu diesen Sätzen bei Gopal, siehe die Fußnoten.
Wichtig ist, dass die Satzstrukturen gleich bleiben. Je mehr Du abweichst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Dein Ego die Kontrolle übernimmt und Du Dich nicht selbst beobachten kannst, sondern Geschichten des Geistes, Konzepte, ableierst, anstelle diese drei Grundebenen wahrzunehmen.
Ich praktiziere das beim Warten, beim Laufen oder in der Stille, normalerweise innerlich in Gedanken.
Was es bringen kann und was nicht
Sofern Du ehrlich zu Dir selbst sein kannst, hilft Dir diese Übung enorm, Deine Intuition zu verbessern, Dich in Stresssituationen zu entspannen. EI ist aus meiner Sicht eine gute Vorbereitung, EM in der Gruppe zu praktizieren. Die Praxis von EM kann Dir wiederum helfen, Muster, die Dir allein nicht auffallen, wahrzunehmen9.
Aaaber: EI ist kein “heilendes” Protokoll im Sinne des EMs. Polyvagaltheorie hin oder her – was Du praktizierst, ist die Beobachtung der Symptome – die Heilung liegt allein im Mitteilen in der Gruppe10. Das ist wichtig zu verstehen.
⚠️ Wichtig: Das EI-Protokoll ist nicht von Gopal für irgendetwas bestätigt.
Wenn es Dir um Heilung durch EM geht: https://traumaheilung.net. ⚠️
So wie Du z.B. Basketball für Dich selbst mit einem Korb üben kannst (EI) und das nützlich sein sollte – es ist etwas völlig anderes, als es im Team zu spielen, vor allem, wenn Du mit dem Team ein Spiel gewinnen möchtest 🙂 (EM).
Wie auch immer – falls Dir die Praxis der Ehrlichen Introspektion etwas bringen sollte, freute mich das 🙂
Danke für’s Lesen. Ich wünsche Dir ein Leben voller Licht und Liebe 🙏.
- https://www.traumaheilung.net/ ↩︎
- Neuer Onlinekurs (Spende erbeten): https://em-lernen.de/ Alter Einführungskurs (3 Teile): https://www.traumaheilung.net/discussion-topics/neu-einfuehrungskurse-ehrliches-mitteilen-nach-gopal-download/ ↩︎
- Klein, Gopal Norbert – Der Vagus-Schlüssel zur Traumaheilung, ISBN 978-3833880322, z.B. hier bei buch7 ↩︎
- https://www.youtube.com/c/GopalNorbertKlein/playlists ↩︎
- https://www.philognosie.net/meditation/mudras-handhaltungen-in-der-meditation#mudra_dhyana_-_der_kelch ↩︎
- Mir – wichtig: Sprachlich unterscheide ich zwischen “Gespür” (Körperempfindung) und “Gefühl” (echtes Elementargefühl, vor allem: Wut, Traurigkeit, Freude, Heiterkeit) sowie kognitiven Konzepten, die mit “ich fühle mich ” umschrieben werden (“ich fühle mich manipuliert”), in meiner Wahrnehmung aber keine Gefühle sind (dazu gehört für mich auch das Konzept der Scham, das offenbar in vielen EM-Gruppen als Gefühl mitgeteilt wird). ↩︎
- Liest sich komisch, entspricht dem EM-Jargon. Je öfter praktiziert, desto selbsterklärender. ↩︎
- Hellinger, Bert – Ordnungen der Liebe, 978-3896705921, z.B. hier bei buch7.de ↩︎
- Ein Muster, dass ich immer wieder – bei anderen – wahrnehme: Mit “mein Kopf denkt, dass (…)” in Gedankenschleifen einzusteigen, über ellenlange Sätze zu ganzen Lebensgeschichten – z.B. anstelle von “mein Kopf denkt, dass Onkel Carl mir als Kind stets mürrisch entgegentrat” zu äußern, sämtliche Vorkommnisse en detail zu schildern etc. ↩︎
- Nach Gopal (und meiner eigenen Erkenntnis), rein körperliche Ansätze wie TRE oder – noch nicht ausprobiert – SSP scheinen mir nur symptomatisch unterstützen zu können, wie rein kognitive Ansätze physisch gespeicherte Traumata heilen können sollen, erschließt sich mir nicht. ↩︎
