Archive zu Kategorie 'Politik'

Kaiserzeit

Schon seltsam: Spiegel Online beschreibt den Titel-Betrüger Guttenberg als “adligen Minister”, die Zeit (Printmedium: der Tagesspiegel) schreibt von Geschehnissen im “Reichstag”. Beides vulgo verständlich, inhaltlich aber höchst bedenklich: Der Adel ist mit der Weimarer Reichsverfassung vom 11.09.1919 zum 14.08.1919 abgeschafft, den Reichstag finden wir nur noch als Reichstagsgebäude vor, das Organ ist seit dem Grundgesetz vom 23.05.1949 der Bundestag. Hat das Methode oder sind die Journalisten hier einfach nachlässig?

Emojournalismus

Sobald du deinen Fernseher einschaltest, bist du in Gefahr. Wie beim Geruch von Schimmelsporen einer verseuchten Wohnung bemerkst du vielleicht nicht, dass dein Gehirn kontaminiert wird.

Der Emojournalismus greift an. Tom Schimmeck umreißt in seinem lesenwerten Buch Am besten nichts Neues im Kapitel Gefühlsecht dieses Phänomen. Im “klassischen” Journalismus sollen die Nachrichten die Fragen Wer-Was-Wann-Wo-Warum möglichst im ersten Satz beantworten. Der Emojournalismus zielt aber darauf ab, Rezipienten ein “Gefühlserlebnis” zu vermitteln und diese zu unterhalten.

Ausgerechnet in Sol Steins Buch Über das Schreiben, das sich dem fiktionalen und nichtfiktionalen Schreiben gleichermaßen widmet (Exerpt hier), finden sich zahlreiche Beispiele, wie man Nachrichten anreichern und spannend machen soll.

Die lapidare Begründung Steins für das emotionale Aufblähen von Fakten ist, dass der Mensch im 20.en Jahrhundert sich geändert habe durch die von Film und Fernsehen geprägten Rezeptionsgewohnheiten.

Dieser Ansatz ist fehlerhaft und gefährlich:

  1. Diskursfähigkeit: Bei journalistischen Nachrichten geht es darum, Inhalte zu vermitteln. Auf Grundlage der Fakten beginnen wir, diese zu reflektieren und die Fakten einzuordnen. Nur auf Grundlage von Fakten kann ein sinnvoller Diskurs geführt werden. Die Methodiken des Creative Writing zielen bewusst darauf ab, den Leser zum Lesekonsumenten zu machen, der nicht aus dem Lesefluss gerissen wird. Unverhohlen wird dabei auf die Kaufentscheidung des Lesers in der Buchhandlung abgezielt, der möglichst nach dem Lesen des ersten Satzes das Buch so spannend findet, dass er es sofort weiterlesen möchte.
    Mit diesen Methodiken bläht man aber Inhalte auf und verbirgt und “streckt” Fakten, während man die Leser mit spannenden Erzähltechniken bei der Stange hält.
    Wer dieses Prinzip auf journalistische Nachrichten überträgt, verschleiert oder verdrängt Fakten. Aus dem Infodump im Diskurs – um im Jargon zu bleiben – würde ein “Emodump”. D.h., anstelle beim Diskurs mit Fakten zu argumentieren, blieben lediglich Emotionen. Damit wäre jeder politische Diskurs ad absurdum geführt, da die politisch relevanten Inhalte fehlten.
  2. Mangelnde Differenzierung der journalistischen Darstellungsform: Stein vermengt die journalistischen Darstellungsformen. Für eine Dokumentation kann es durchaus nützlich sein, die Rezipienten in die Sichtweise Betroffener etc. zu versetzen, um dadurch z.B. Mitgefühl hervorzurufen. Ebenso wird ein Leitartikel die Leserschaft mit einer geschickten Einleitung fesseln. Hinsichtlich der Tatsachenvermittlung ist das aber unangebracht. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass die meisten journalistischen Nachrichten-Beispiele Steins aus der Rubrik “Panorama/Vermischtes” stammen oder aber Nachrichten plötzlich zu Berichte/Reportagen umwandeln.
  3. Erzeugen von (Massen-)Hysterie: Wer Menschenmengen überemotionalisiert, erzeugt Massenhysterie. Auch als Deutsche im 21.en Jahrhundert dürften wir nicht gänzlich vergessen haben, welche Auswirkungen dies haben kann. (Michael Moore zeigt in Bowling for Columbine zeitgemäße Implikationen auf.).
  4. Entfernen und Umschreiben relevanter Informationen: In 1.) angedeutet: Je mehr Zeit (TV/Radio) und Platz (Printmedien, Internet) der Darstellung von Emotionen gewährt wird, desto weniger Fakten können präsentiert werden. Je weniger Fakten dargestellt werden, desto weniger Fakten können erinnert werden. Je weniger Fakten erinnert werden, desto einfacher ist es, Fakten “kreativ umzudeuten”. Ein schönes Beispiel ist die bei einem Attentat getötete Benazir Bhutto, der zusammen mit ihrem inhaftierten Ehemann gemeinschädliche Korruption nachgewiesen wurde, die aber 2007 zu einer “Lady Di” der Demokratie in allen westlichen Medien bis hin zur Guardian oder taz stilisiert wurde. Hier wurden die Korruptionsvorwürfe – vor dem Attentat (danach scheint das de mortuis nil nisi bene immer noch zu funktionieren) – nirgends recherchiert/erwähnt. 1984.
  5. Falsches Ziel: Sol Stein und viele Creative-Writing-Ratgeber behaupten, Ziel der guten Erzählung sei, Gefühle zu vermitteln. Das ist falsch und würde die Prinzipien des Spektakelkinos auf das Erzählen übertragen. Der eigentliche Wert der Literatur, das, was sie vom Film abgrenzt, ist, dass sie nicht nur Gefühle, sondern Erfahrungen vermitteln kann. Schwanitz beschreibt dies sehr eindrücklich.

PS: Ich habe den Fernseher abgeschafft. Und hoffe immer noch auf eine Tagesszeitung, die es zu abonnieren lohnt.

Vote for Coke!

Unter dem Eindruck des Films "The Corporation" (http://www.thecorporation.com/).

 

In dieser Dokumentation wird anschaulich dargestellt, wie sich virtuelle Monstren bilden konnten, die unser politisches und kulturelles Leben stark beeinflussen.

 

Vorgeschichte. Das 14th Amendment ist eine wichtige gesetzliche Regelung in den USA. Eingeführt nach dem Bürgerkrieg zum Schutz der afroamerikanischen Bevölkerung, sollte sie gesetzlich benachteiligten Personen die Möglichkeit geben, gegen Ungleichbehandlung vorzugehen.

Diese Regelung wurde aber kaum von Afroamerikanern genutzt, vielmehr verwendet, völlig anderen Personen mehr und mehr Rechte zu verschaffen: Juristischen Personen, die nicht aus Fleisch und Blut sind, aber dennoch Rechte erlangen können wie ein Mensch, der als natürliche Person im juristischen Jargon bezeichnet wird.

 

Juristische Persone, Avatare der Gesetzestechnik, können zum Beispiel Eigentum erwerben, seien es Autos oder Grundstücke, können klagen und verklagt werden. In den Vereinigten Staaten nennt sich diese Lebensform "Corporation" und der Film behandelt den beispiellosen Machtzuwachs der im Geschäftsleben prominent agierenden, aber nicht greifbaren Personen.

Die Produkte der Corporations sind Gemeinplätze unseres Lebens, sie haben sich tief ins Unterbewusste geschlichen mit ihrer Markenpräsenz (eine ganz wundersame Blüte ist die Disney-Stadt).

In unserm Leben gehen Rechte normalerweise mit Pflichten einher, mögen die mit Rechten besser Ausgestatteten dies derzeit auch immer häufiger und immer offensichtlicher vergessen. Hinsichtlich der Corporations sah das aber etwas anders aus: Man vergaß (oder vermied bewußt), ihnen Verpflichtungen aufzuerlegen, die sich am Gemeinwohl und humanistisch-demokratischen, sozialen oder ethischen Grundsätzen ausgerichtet hätten.
Das führte dazu, dass die einzige Lebensmaxime der Corporations der Profit blieb.

Hier setzt der Film an und betrachtet die Implikationen eines rein profitorientierten Handelns. Die Frage wird gestellt: Wenn wir es mit einer Person zu tun haben, muss diese auch über ein Persönlichkeitsprofil verfügen. Warum nicht einmal vom Schlimmsten ausgehen, und das Persönlichkeitsprofil eines Psychopathen (nach der UNESCO-Definition [***]) dem Profil großer Corporations gegenüberhalten?

 

Siehe da: In allen Punkten entspricht das Handeln großer Konzerne dem eines Psychopathen. Hierzu angemerkt: Inwiefern das Handeln eines einzelnen Konzerns vollständig dem eines Psychopathen entspricht, wird nicht dargestellt, insofern kann hinterfragt werden, inwiefern dies Konstrukt auf einen bestimmten Konzern aussagekräftig ist.
Dies wäre zu prüfen, wobei die Vorstellung, es auch nur mit einem "halben Psychopathen" zu tun zu haben, beunruhigend genug ist.

 

Die Kernaussage ist in jedem Fall überzeugend: Firmen, betrachtet als juristische Personen, handeln gleich Psychopathen – zumindest in Teilbereichen. Im Sinne der Profitmaximierung scheren sich nicht darum, ob sie den Zugang zu überlebenswichtigen Ressourcen wie Wasser (selbst Regenwasser!) von Bezahlung abhängig machen, ob sie Kinder arbeiten lassen oder Löhne bezahlen, mit denen trotz 50-Stundenwochen kein Lebensunterhalt bestritten werden kann. Sie betrügen, lügen, fälschen, töten; nachhaltig zerstören sie die Umwelt, die Lebensgrundlagen nachfolgender Generationen.

Was ich hier interessant finde, ist die Treuepflicht im (deutschen) Arbeitsrecht: Diese besteht zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wechselseitig. Jetzt frage ich mich: Kann man von einem Psychopathen die Erfüllung einer solchen – gesetzlich manifestierten – moralischen Pflicht erwarten? Hat man als Arbeitnehmer einem Psychopathen, der allein oder im Verbund mit anderen Psychopathen kriminell wird, eine solche Verpflichtung? Hier kann man leicht auf die Grenzen verweisen, die uns das Strafrecht vorgibt: Zu morden braucht man nicht, sicherlich nicht einmal die von der Gerichtsbarkeit gezogenen Grenzen der Sittenwidrigkeit zu überschreiten. Aber ist es aus unserer Sicht sittenwidrig, terroristisch agierende Staaten mit Waffen zu beliefern (wohl nicht)? Waren zu vertreiben, die von Menschen hergestellt werden, die einen Monatslohn von ~50 EUR dafür erhalten, der zum Leben nicht ausreicht (denen [und das ist das wahre Problem] buchstäblich das Leben genommen wird, nämlich ihre Lebenszeit, ohne dass man sie dafür töten müsste)?

 

Noch interessanter: Wie wäre es, gäbe man juristischen Personen das passive Wahlrecht, könnte ein Konzern also ein politisches Amt ausüben? Wäre der Unterschied um so vieles größer als heute? Weniger ehrlich und transparent?

 

Wenn The Carlyle Group und Halliburton die beiden letzten Präsidentschaften der USA übernommen hätten – wäre das aufrichtiger, verständlicher gewesen?

LTI und die Geschäftssprache

Derzeit Lektüre der Klemperer-Tagebücher.

 

Seine Beschäftigung mit der LTI regt mich an, aus der Wirtschaftssprache zu sammeln, ohne dass ich ein genaueres Ziel hätte (die LTI hab ich noch nicht erworben, mir ist gewissermaßen nur das Material bekannt, nicht aber die methodische Überlegung dazu).

 

Wieviel da doch zu finden ist! Nicht nur die gesamte Hierarchie – Chief Executive Officer, Executive Committee, Task Forces, die Deadline, die Resources, zu denen auch die Menschen gehören (Ressourcen werden aber normalerweise ausgebeutet, auch im Englischen ("exploit resources").

Vielleicht ist schon Philologisch-Monographisches dazu vorhanden, interessieren würde mich hier sehr, ob auch sprachliche Alternativmodelle existieren, die das Inhuman-Militaristische meiden und diese auch in Großunternehmen verwendet werden.

 

Interessant, dass vieles, was Klemperer übel aufstieß (die Attribuierung von Städten, also "Hansestadt Bremen" [~lustig~: "Hansestadt Köln"), nicht beendet wurde, man denke an die ganzen Lutherstädte, ich glaube auch die "Händelstadt" etc. etc. Und hier die Verknüpfung zu dem Attribuierungsspruch für Unternehmen "BlaBlaBla – We spin the universe", "BloBloBlo – Your quality choice", "BluBluBlu – Sicherheit für die schönen Momente" etc. etc.

Feigheit als deutsches Merkmal?

Klemperer: "Deutsche" Eigenschaft: Die Feigheit, nicht – nur – die Obrigkeitshörigkeit. Vielleicht auch das Schönreden?

 

Ich tendiere eher dazu: Derartige (a)llgemeine Merkmale sind nicht national begründet. Eher gibt es historisch-soziologisch begründete Werteskalen, die bestimmte Verhaltensweisen bewirken.

 

Unabhängig davon bin ich der Ansicht, dass eine allgemeine ethische Handlungsverpflichtung besteht, aus der sich ableitet, dass man auch dann politisch handelt, wenn man das politische Handeln unterlässt. Deshalb ist derjenige, der zu Gewalt und Missbrauch schweigt, Mittäter und handelt durch Unterlassen. Ein altes Konstrukt übrigens, älter als das Recht Ulpians und Gaius’, nämlich wenigstens neutestamentarisch.

Colbert Report

Phantastisch: http://video.google.com/videoplay?docid=-869183917758574879&q=stephen+colbert http://www.comedycentral.com/motherload/index.jhtml?ml_video=73050