Archive zu Kategorie 'Veranstaltungen'

“International Slam Contest”, 14.09.07, Ballhaus Ost

Nur bis zur Pause geblieben: Meine Begleitung benötigte einen Eindruck von Poetry Slams, das Ergebnis der ~Ausscheidung~ war uns nicht wesentlich. Aufgrund meiner Kenntnis, der einigermaßen zahlreichen Besuche von Poetry Slams, hätte sich der erste Eindruck nicht entscheidend geändert, wären wir länger geblieben.

 

Das kam mir in den Sinn: Frisch-Diktum von der Lyrik (TB 46-49, 537ff.), also:

- Äußerliche Umstände des Vortrags: Streichquartett, Vorhänge, Kerzen Oleander
- Materiales: Überholte Vor-Banale Metaphorik
- Materiales: Metrischer Duktus, Form insgesamt
- Vortrag alltagsenthoben, sprachlich nicht alltäglich
- "In-der-Welt-sein" des Gedichts

Eigentlich zielt das mehr auf den Vortrag als auf den Inhalt ab, da gibts zu viele Beispiele, die auch bei den Älteren, Ältesten, ohne Leu und Lilie auskommen, gerade Heine ist da gutes  Beispiel.

Unterbrechen und Fortsetzen als Kriterium? Das hängt wohl mehr von der Rezeptionsfähigkeit ab: Wenn ich das Buch der Lieder verinnerlicht hab, wird es mir alltäglich, kommen mir selbst Vertonungen (dazu später) profan vor.

Könnte ich Gedichte wie Briefe _vor_lesen – welchen Sinn machte dann noch eine Unterscheidung zwischen Lyrik und Prosa? Man gibt sie auf, Ockham mags zufrieden sein, ein großer Sprachbrei, mal rhythmischer, mal nicht.

Was mir hier fehlt, ist der reizende, ja ätzende Dualismus zwischen dem gelesenen und dem gesprochenen Gedicht. Je mehr Menschen hören, wie sie sehen – konsumatorisch – desto mehr werden sie lesen wie sie hören. Was das Problem der Hörbücher darstellt: Die unterschiedliche Reflektion. Begründet mag sie sein im erhöhten Aufwand, den Gedanken nachgehen zu können: Das Hörbuch zu unterbrechen, ist schwieriger, als das Lesen zu unterbrechen. Einen Querverweis nachzuschlagen ist einfacher im Buch. Hier sind die Mechaniker weit entfernt von sinnvoller Machbarkeit. Vielleicht einmal der klingende eBook-Reader.

Aber da kommt das Interessante bei den Slams: Hier haben sich die "Subkulturen" (noch so ein zu zerfleddernder Begriff) von Pop-, Soul- und Rapmusikliebhabern und Dichterlesungfrustrierten, meist auch Fußball- resp. Sportbegeisterten, zusammengefunden.

Der Anlass ist löblich: Immerhin beschäftigen sich Menschen mit etwas, das sie für Lyrik halten. Thematisch ist die Auswahl erschreckend: Vieles bleibt jugendliche, pubertäre Selbstexpression. Der Herzschmerz, das Selbstbehauptenwollen/-müssen; die anderen als Spießer, das Wir der Werbemarken: Du auch Sinalco? Eben das lässt sich aber gut konsumieren, das sind die Gemeinplätze, die dann Grundlage einer teils atemberaubenden, aberwitzigen sprachlichen Artistik werden. Hier macht auf einmal der Binnenreim Spaß, weil er zwingend wirkt und über den Zwang zu einem anderen, unerwarteten Gemeinplatz führt.

Mir scheint dieses Genre weit näher am Kabarett der 1910er Jahre zu liegen, artifizielles Jonglieren mit Wörtern und Banalitäten, alles mit dem Künstlerduktus angehaucht. Das dann mit dem – zum Glück noch nicht völlig veramerikanisierten – fragwürdigen Nervenkitzel des Wettbewerbs, des Siegens, gar nicht so weit entfernt von den institutionalisierten Dichterpreisen, nur quasi-demokratisiert. Schrei am besten, dann siegst Du! Welch eine Grundlage für Lyrik.

Dass sich die Gedichte der Poetry Slams meist so miserabel lesen lassen (Ausnahmen vorhanden, z.B. Nora-Eugenie Gomringer), verwundert nicht besonders – die hörende und lesende Reflektion ist unterschiedlich; hörend – mehr konsumierend, weniger am Wort- als am Klanggedanken; lesend mehr die Inhalte entziffernd und enttäuscht über die Pubertätsbanalitäten.

 

Macht es uns wirklich alle zu Brüdern und Schwestern, dass wir Hunger haben, Essen und Verdauen müssen und mit bestimmten Markennamen aufgewachsen sind? Wenn schon nicht Mörike und Mozart, dann das?

 

******* Zum Programm *******

 

Lautstärke und Zigarettenrauch luden zudem wenig zum Verweilen ein. Ebensowenig die leicht manipulativen Unterbrechungen der Moderatoren – teils wurde der Applaus einfach unterbrochen, teils nicht.
(Ich scheine mich rechtfertigen zu müssen. Der stille Vorwurf, die Sprechartistik der anderen Teilnehmer nicht ausreichend gewürdigt zu haben).

Moderator war unter anderem Bas Böttcher, der zum gelackten Berufsjugendlichen mutiert, geschäftig, mit Schnauzbart wäre es ein R. Strauss par exemple.

 

Andy Ninvalle (NL – Ehrengast). Indiskutabel, höchstwahrscheinlich, weil auf Englisch.

 

Ken Yamamoto (Japan/D/F) – Mainzer (?), jedenfalls ist der Hinweis Japan/D/F irreführend, eindeutig ein Deutscher. Machts aber nochmal so interessant. Lyrik.

 

Bohdan Blahovec (CZ): Improvisiert, hätte die Fähigkeit, Massenhysterien auszulösen. Keine Lyrik.

 

Betti Synclar (CH): Traut sich mitzuteilen, dass auch sie eine Frau ist und Bedürfnisse hat, die sonst eher nur ein Mann äußert. Peinlich.

 

Antoine "Tô" Faure & Damien Noury (F): Artistik, sehr professionell. Ihr Hymnus an den Slam: Sie leben davon, das merkt man, die Dankbarkeit deshalb verständlich.

 

Orsolya Karafyiath (HU) – Trat mit "Kult-Schlagersängerin" auf. Peinlich, resp. bemüht und auch noch peinlich.

 

Sara Ventroni (I) – Wenn ichs recht verstand, lamentierte sie ziemlich lang darob, dass niemand sie verstehen könne und was da alles zu sagen wär. Eindrücklich.

 

Salena Godden (UK) – Selbstverliebt, selbstüberheblich, keine Lyrik.

 

RSO Berlin, 11.09., Philharmonie

Dirigent: Marek Janowski. Programm: Debussy, Musik zum Ballet Khamma, Busoni Violinkonzert op. 35a (F.P. Zimmermann), Sibelius, 4.e Sinfonie.

 

Liebloser, uninspirierter Abend. Was ich dem Orchester wünsche: Einen präzisionsbesessenen, musikbegeisterten Dirigenten, der ihm beibringt, wieder miteinander zu musizieren, nicht nebeneinander Musik herunterzuleiern. Und Marek Janowski – den Graben. Da wird er gute Arbeit leisten, treu und ohne Mimik den 500.en Troubadour aufzuführen helfen. 

 

Viel ist daran, dass ein guter Lehrer meist eher leise und verhalten spricht, während der schlechte gegen die Klasse brüllt. Janowski rudert sicht ins Uferlose und doch mit der geringsten Wirkung. Schon bei der Balletmusik Debussys, die im Konzertsaal wenig verloren hat, aber durchaus interessant auch für das zeitgenössische Tanztheater verwertet werden kann, zeigte sich, dass Marek Janowski seinen Kopf nicht einzusetzen vermag: Ohne erkennbare Mimik, scheinbar ohne Anteilnahme an der Musik, wird hier "durchdirigiert".

 

Im Violonkonzertchen von Busoni, einem Konzertstück näher als den monumentalen Konzerten Brahms, Beethovens, sogar Dvoraks, übernahm der routinierte Frank Peter Zimmermann deshalb manchmal den Part des Dirigenten. Dass die beiden Stimmen aus dem Andante der Bach Solosonate BWV 1003, die Zimmermann als Zugabe spielte, mehr "miteinander" musizierten, kennzeichnete diesen unterdurchschnittlichen Abend.

 

Hier half wenig, dass Marek Janowski die Sibelius-Sinfonie auswendig dirigierte. Zwar waren einige gut geprobte Stellen hörbar (vor allem im 3.en Satz, Tempo di largo), dies aber vor allem in den einzelnen Stimmen (am herausragendsten die Celli), indes fehlte es am Miteinander, am Aufeinander-Hören. 

 

George Elliot Clarke: Africadian Poetry

Ein Eintrag auf Englisch sollte das werden, jetzt nach reichlich viel gesprochenem Deutsch seh ich davon ab: Der Wechsel ist dem Fluss abträglich.

 

Africadian – eine Wortschöpfung von G.E. Clarke (und hier), die "African", "Canadian" und "Acadian" verwebt und und jetzt, nach achtzehn Jahren, gar Einzug in den Oxford Thesaurus gefunden hat. Sie verrät zugleich einen wesentlichen inhaltlichen Schwerpunkt der literarischen Produktion Clarkes: Die Positionsbestimmung der Afrokanadier, speziell der in Nova Scotia. Die Hybris der für Clarke miteinander unvereinbaren kulturellen (und sprachlichen) Wurzeln England und Frankreich (Clarke beansprucht für sich, nicht ausreichend gut Französisch sprechen, wohl aber lesen zu können), die eindeutig auf Europa ausgerichtete Sozialstruktur erschwerte den offenbar ungemein zergliederten afrikanischen "Communities", sich eigenständig, "native-africadian", zu äußern. 

 

In Clarke haben sie eine Stimme gefunden. Was für eine! Beim Rezitieren bebt sein Körper und wiegt sich metrisch – der Einsatz erinnert an Poetry Slams, die allerdings gar nicht erst erfunden worden wären, wenn alle Dichterlesungen wie Clarkes ausfielen. Einzig die Inhalte sind anspruchsvoller und auch die "Machart" weitaus artifizieller. Clarke las im internationalen Club (leider keine Homepage) – neben drei unveröffentlichten Gedichten aus Whyla Falls, Illuminated Verses, Blue und Black sowie den Opern Quebecité und der Trudeau-Oper NN. Zu den gelesenen Opernpassagen wurde auch die Musik (DD NN) gespielt – gefällig, musicalartig, nicht mit europäischer Oper zu verwechseln. 

 

Für den Europäer scheinen die Gedichte leicht, süffig – die Hermetik Klings oder Celans erfordert Mühe, lässt stets einen letzten Zweifel zurück, in jeder Passage, wegen des nie ganz erklärbaren Gesamtzusammenhangs. Clarks Gedichte erfreuen durch ihre teils eindeutigen Aussagen, die mit gutlautenden, teils irritierenden, Wortkombinationen ins Ohr gebracht werden und so die Auseinandersetzung mit den wenig hermitschen klaren politischen Inhalten ermöglichen. Das erinnert an Neruda ein wenig: ein Dichter, der anderen, anderen Anliegen, fern der Selbstexpressivität, seine Stimme leiht. 

Sehr angenehm: Die Political Correctness, die in den Gesprächen vor und nach der Lesung gepflegt wurde, war von einer positiven Grundhaltung geprägt: Politisch korrekt sich verhalten, nicht um unangreifbar zu sein, sondern um anderen – ernsthaft bemüht – gerecht zu werden.

Besuch im Bode-Museum

Heute mit einem geschätzten Bekannten zum ersten Mal nach der Renovierung das Bode-Museum (ehem. Kaiser-Friedrich-Museum, aka Skulpturensammlung und Museum f. byzantinische Kunst) aufgesucht.

Die schlimmste Befürchtung, das Gebäude käme viel zu protzig daher, erwies sich als falsch, im Gegenteil: Dadurch, dass die Nischen in der Basilika nicht farbig gefasst waren und die Seitentreppen und die Treppen zu Tiefgeschoss und Keller mit nüchtern-grauen Fassungen sich nicht aufdrängen, machte der Bau auf mich einen eher abweisenden, von den Proportionen freilich wenig stringenten Eindruck. Gobelinsaal geschlossen.
Die Säulengruppe an der kleinen Treppe (Friedrich der Militarist und seine Schlächter-Generäle und Marschälle [?]) ist historisch zu erklären, aber dennoch abstoßend, als führte all das Religiös-Schöne dann doch zum Morden hin.

Beim Schreiben dieses Eintrags fällt mir auf, wie schlecht doch die Seiten der SMPK gestaltet sind, nicht einmal die Lagepläne sind erfügbar. Zumindest auf den Wikipedia-Artikel könnte doch verwiesen werden.

Inv.-Nr. 101 (?), “Christus als Ecce Homo”. Schreibfehler? Hl. Dorothea (Basilika) für Dorothée erinnern. Orangefarbene Maria im Chorgestühlsaal erinnert mich an Cornelia, Funktionsweise des Chorpults (in der Mitte zweier Chorgestühlreien) nicht ganz verständlich, der Bellini schlicht deplaziert, da kann ich den Unmut einiger Stimmen von der Gemäldegalerie schon nachvollziehen.
Persönlich größte Wonne der Tiepolo-Saal, ein kleiner Ca’Rezzonico-Effekt, und dann noch Giambattista!

HRR Teil I (Magdeburg)

Mit C. und K. nach Magdeburg gefahren zum ersten Teil der Ausstellung über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (Ottonen bis Habsburger – Maximilian I). Sehr angenehm gestalteter Audio-Guide, gute Erläuterungen.

Magdeburg wurde immer wieder besonders berücksichtigt, aus meiner Sicht, von Otto dem Gr. abgesehen, nicht ganz nachvollziehbar.

 

Unfassbar viele einzigartige Handschriften (u.a. Gero-Psalter, Codex Manesse). Wie schön wäre es, wenn für solche Ausstellungen wenigstens zwei oder drei Faksimiles "geopfert" werden könnten, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, einen unmittelbareren Eindruck vom Reiz der Handschriften zu erhalten. Insgesamt war die Ausstellung die Reise wert…

Rheinsberg, Myslivycek, Ariadna

Sehr nette Inszenierung (Details siehe unter http://www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de/).

Sehr nette zeitgenössische Inszenierung im Sinne einer Kammeroper, der Veranstaltungsort war mir bislang unbekannt, zuvor hatten wir den Graun einmal im Heckentheater gesehen.

Wie auch immer, solch einen Besuch sollte man nicht mit anschließender Fahrt nach Berlin beenden, sondern mit einer Flasche Champagner zum Souper und nettem Lustwandeln am folgenden Tag vor Ort…

Spokenword Berlin Revue 2005

This evening I visited the final event of http://www.spokenwordberlin.net/.
The event was OK in general, nearly all people on the stage were good performers in the sense of pronounciation and keeping tension.
But to my sadness, around 10% of the content was about food (sic) and some 5% about brands and other 5% (as normal/as expected) copulation and sexual details, which seems to be the only knowledge that is common for nowadays people. And what I found interesting, too, was that a lot of people just laugh (in the sense of an “inspired” laughter) when they recognise sthg, independent of whether the idea behind was funny or not.
If find this interesting, because I found this kind of laughter in pseudo-educated circles where people who recognised an allusion to some knowledge trace also had this “knowing” smile/laughter.
And to be able to rhyme only (“Rita”) is not enough for me at least.
Think I liked Dalibor’s Rashomon-minus-1 (rather minus-2) “annotation” best, but also this other Berlin guy who got the “price” (one bottle “Rotkäppchen” sparkling vine and the honour, of course) together with the IMHO overrated Bas Böttcher in the first half, was good.
Anyway, the courage and the performative power is highly appreciable and though I did not have one “poetical moment” I went away with good impressions.
Generally I think, this community does not differ so much from the established/official cultural community, except of the money and the fact, that an ad hoc decision of the auditory decides about an author’s failure (and not the amount of books sold or a special jury): They establish themselves, they shake hands and are friendly to push up themselves. It’s as equal as the gamers clans are very close to the german “Verein”.
The biggest difference might be the rather sportive aspect – you get money and praise if you win a kind of match instead of getting prices because you’re a good self-marketer against jury members. Not such a very big difference. And the danger lies within the “quality” of the slam auditory – if they were completely dumb, a good (IMHO) author like e.g. Kling would not be heard because it needs time to get used to his language.