Archive zu Kategorie 'Literatur'
20. August 2010 von KG
Sobald du deinen Fernseher einschaltest, bist du in Gefahr. Wie beim Geruch von Schimmelsporen einer verseuchten Wohnung bemerkst du vielleicht nicht, dass dein Gehirn kontaminiert wird.
Der Emojournalismus greift an. Tom Schimmeck umreißt in seinem lesenwerten Buch Am besten nichts Neues im Kapitel Gefühlsecht dieses Phänomen. Im “klassischen” Journalismus sollen die Nachrichten die Fragen Wer-Was-Wann-Wo-Warum möglichst im ersten Satz beantworten. Der Emojournalismus zielt aber darauf ab, Rezipienten ein “Gefühlserlebnis” zu vermitteln und diese zu unterhalten.
Ausgerechnet in Sol Steins Buch Über das Schreiben, das sich dem fiktionalen und nichtfiktionalen Schreiben gleichermaßen widmet (Exerpt hier), finden sich zahlreiche Beispiele, wie man Nachrichten anreichern und spannend machen soll.
Die lapidare Begründung Steins für das emotionale Aufblähen von Fakten ist, dass der Mensch im 20.en Jahrhundert sich geändert habe durch die von Film und Fernsehen geprägten Rezeptionsgewohnheiten.
Dieser Ansatz ist fehlerhaft und gefährlich:
- Diskursfähigkeit: Bei journalistischen Nachrichten geht es darum, Inhalte zu vermitteln. Auf Grundlage der Fakten beginnen wir, diese zu reflektieren und die Fakten einzuordnen. Nur auf Grundlage von Fakten kann ein sinnvoller Diskurs geführt werden. Die Methodiken des Creative Writing zielen bewusst darauf ab, den Leser zum Lesekonsumenten zu machen, der nicht aus dem Lesefluss gerissen wird. Unverhohlen wird dabei auf die Kaufentscheidung des Lesers in der Buchhandlung abgezielt, der möglichst nach dem Lesen des ersten Satzes das Buch so spannend findet, dass er es sofort weiterlesen möchte.
Mit diesen Methodiken bläht man aber Inhalte auf und verbirgt und “streckt” Fakten, während man die Leser mit spannenden Erzähltechniken bei der Stange hält.
Wer dieses Prinzip auf journalistische Nachrichten überträgt, verschleiert oder verdrängt Fakten. Aus dem Infodump im Diskurs – um im Jargon zu bleiben – würde ein “Emodump”. D.h., anstelle beim Diskurs mit Fakten zu argumentieren, blieben lediglich Emotionen. Damit wäre jeder politische Diskurs ad absurdum geführt, da die politisch relevanten Inhalte fehlten.
- Mangelnde Differenzierung der journalistischen Darstellungsform: Stein vermengt die journalistischen Darstellungsformen. Für eine Dokumentation kann es durchaus nützlich sein, die Rezipienten in die Sichtweise Betroffener etc. zu versetzen, um dadurch z.B. Mitgefühl hervorzurufen. Ebenso wird ein Leitartikel die Leserschaft mit einer geschickten Einleitung fesseln. Hinsichtlich der Tatsachenvermittlung ist das aber unangebracht. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass die meisten journalistischen Nachrichten-Beispiele Steins aus der Rubrik “Panorama/Vermischtes” stammen oder aber Nachrichten plötzlich zu Berichte/Reportagen umwandeln.
- Erzeugen von (Massen-)Hysterie: Wer Menschenmengen überemotionalisiert, erzeugt Massenhysterie. Auch als Deutsche im 21.en Jahrhundert dürften wir nicht gänzlich vergessen haben, welche Auswirkungen dies haben kann. (Michael Moore zeigt in Bowling for Columbine zeitgemäße Implikationen auf.).
- Entfernen und Umschreiben relevanter Informationen: In 1.) angedeutet: Je mehr Zeit (TV/Radio) und Platz (Printmedien, Internet) der Darstellung von Emotionen gewährt wird, desto weniger Fakten können präsentiert werden. Je weniger Fakten dargestellt werden, desto weniger Fakten können erinnert werden. Je weniger Fakten erinnert werden, desto einfacher ist es, Fakten “kreativ umzudeuten”. Ein schönes Beispiel ist die bei einem Attentat getötete Benazir Bhutto, der zusammen mit ihrem inhaftierten Ehemann gemeinschädliche Korruption nachgewiesen wurde, die aber 2007 zu einer “Lady Di” der Demokratie in allen westlichen Medien bis hin zur Guardian oder taz stilisiert wurde. Hier wurden die Korruptionsvorwürfe – vor dem Attentat (danach scheint das de mortuis nil nisi bene immer noch zu funktionieren) – nirgends recherchiert/erwähnt. 1984.
- Falsches Ziel: Sol Stein und viele Creative-Writing-Ratgeber behaupten, Ziel der guten Erzählung sei, Gefühle zu vermitteln. Das ist falsch und würde die Prinzipien des Spektakelkinos auf das Erzählen übertragen. Der eigentliche Wert der Literatur, das, was sie vom Film abgrenzt, ist, dass sie nicht nur Gefühle, sondern Erfahrungen vermitteln kann. Schwanitz beschreibt dies sehr eindrücklich.
PS: Ich habe den Fernseher abgeschafft. Und hoffe immer noch auf eine Tagesszeitung, die es zu abonnieren lohnt.
24. Juni 2010 von KG
Kürzlich erst erfahren, dass sich der TV-Unterhalter Stefan Raab im Jahr 2005 die Wortmarke “Schland” sicherte (zum ganzen ein Wikipedia-Artikel “Schland o Schland“).
Wenn aber der selbsternannte “Wortwart der Nation”, Detlef Gürtler, erklärt, Stefan Raab hätte das Wort Schland erfunden, irrt er.
Ich behaupte, dass jeder halbwegs selbständig denkende Abiturient, der Leistungskurs Geschichte oder Deutsch gewählt hat und über einer Klausur zum Thema Deutschland i.w.S. brütet, beginnt, das Wort zu sezieren und mit den Silben herumzuspielen, um schließlich über die Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes “Schland” zu sinnieren .
Das war jedenfalls in meinem Freundeskreis eine allgemein geteilte Erfahrung.
Immerhin hab ich das nachweislich festgehalten in einem Tagebucheintrag, der so schlecht ist, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Nicht meines mangelnden Patriotismus wegen. Da bekenne ich gern, dass ich mich nicht so sehr als Deutscher, denn als Europäer sehe, dem Italien, Österreich, die Schweiz, Großbritannien, und Frankreich genausoviel wie Deutschland bedeuten.
Aber dann doch nicht so sehr als Europäer denn als Wesen, das auf diesem Planeten lebt und diesem alles verdankt. Der die Gemeinsamkeiten zu allen Menschen lieber sieht und aufzudecken versucht als die Unterschiede, die vorhanden sind z.B. zwischen den Frohnauern, die jenseits und diesseits des Ludolfinger Platzes wohnen, zwischen Reinickendorfern und Zehlendorfern, Berlinern und Potsdamern, Brandenburgern und Bayern, Deutschen und Holländern, Europäern und Afrikanern etc.
Was mich peinlich berührt ist, wie miserabel und bodensätzig dieser – im Tagebuch immerhin durchgestrichene, d.h. verworfene – Eintrag vom 21.02.1992 daherkommt. Wie humorlos (von den letzten beiden Punkten abgesehen).
Sei’s drum, das Wort “Schland” kommt eindeutig darin vor, damit beanspruche ich den zeitlichen Primat
Deutschland.
Deut, deut, deut -
die [Dichter und] Denker
Schland, Schland, Schland -
[die Richter] und Henker.
Die D Oi Oi tschand.
Der Deutschen
deutsche Vita:
Bier, Stumpfsinn und Überheblichkeit.
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In Reit im Winkel
kegeln und brüllen
saufende Vereine.
Bis zur Wi_dervereinigung...
"Was war da noch mit Schlesien?"
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'''Mein''' ''Deutschland'', die Fiktion,
war immer schon vernichtet,
der Traum der Exilanten,
war immer nur ..
16. November 2007 von KG
So mag es vielen gehen, die nicht aus echtem Interesse ihren Beruf ausüben: Gemeinsam mit gleichgesinnten Kollegen ahnen sie, dass man dem Sterben zuarbeitet. Aber kein Leben lebt.
Dagegen richtet sich der Instinkt, weswegen man sich weigert, die eigenen Arbeitsergebnisse zu optimieren, also weder auf das Firmenziel, den Profit hinzuzuarbeiten, noch auf das eigene: die (berufliche==persönliche) Erfüllung.
Weswegen versucht wird, mit ein wenig plakativer Individualität sich aufzulehnen: Gelaber in Meetings allerorten, die eigene Misere schönreden, anstelle sie zu verbessern, Staatusmeetings einrichten zum Zementieren der sozioökonomischen Sicherheit.
Die Motivationskommentare De Marcos und Listers richten sich gegen diese Tendenz (im Sinne der Symptombekämpfung): Nur kurzfristige Projektziele vereinbaren ("In zwanzig Monaten kann ich tot sein"), das inhaltliche Desinteresse durch persönliche Motivation (für den Teamleiter, besser noch: das Team) ersetzen.
Das ist die Disziplin der Steinzeitmenschen, und sie bringt auch heute noch unmäßig viele Menschen durch den Winter, Jahr für Jahr.
14. November 2007 von KG
Groß ist das Geschrei, wenn z.B. eine vierzigjährige Person ums Leben kommt, sei es an einer defekten Rolltreppe.
Leiser werden die Schreier, wenn wir hören, dass die Frau noch genau fünf Wochen zu leben gehabt hätte, weil sie an einer Herzkrankheit litt.
Applaus, wenn wir hören, dass die Frau, die noch zwei Wochen zu leben hätte, der Entnahme bestimmter Organe zustimmt – eine Entscheidung, die für sie den sicheren Verlust dieser zwei Wochen bedeutet, da Folge der Operation der sichere Tod ist. Dafür hilft sie, das Leben anderer zu verlängern.
Wie wäre das: Die für das Individuum sinnlos (mit "Lohnsklaverei") verbrachte Lebenszeit wird bezogen auf die Gesamtlebenszeit gemessen; dann bestimme man, wieviel vom Leben genommen wurde, wie lang also selbstbestimmt gelebt wurde?
Nehmen wir einmal an, es käme dabei heraus, dass man etwa 30 Jahre seines Lebens versklavt verbringt – warum dann nicht einen Vertrag abschließen, bei dem man 15 Jahresgehälter auf einmal ausgezahlt erhält, aber dafür seiner – tödlichen – Organausweidung nach 15 Jahren zustimmt? Wer würde da mitmachen? Wer nicht?
Der "versklavte" Arbeitnehmer bezahlt den Lohn mit seinem Leben. Genau darum geht es.
15. September 2007 von KG
Nur bis zur Pause geblieben: Meine Begleitung benötigte einen Eindruck von Poetry Slams, das Ergebnis der ~Ausscheidung~ war uns nicht wesentlich. Aufgrund meiner Kenntnis, der einigermaßen zahlreichen Besuche von Poetry Slams, hätte sich der erste Eindruck nicht entscheidend geändert, wären wir länger geblieben.
Das kam mir in den Sinn: Frisch-Diktum von der Lyrik (TB 46-49, 537ff.), also:
- Äußerliche Umstände des Vortrags: Streichquartett, Vorhänge, Kerzen Oleander
- Materiales: Überholte Vor-Banale Metaphorik
- Materiales: Metrischer Duktus, Form insgesamt
- Vortrag alltagsenthoben, sprachlich nicht alltäglich
- "In-der-Welt-sein" des Gedichts
Eigentlich zielt das mehr auf den Vortrag als auf den Inhalt ab, da gibts zu viele Beispiele, die auch bei den Älteren, Ältesten, ohne Leu und Lilie auskommen, gerade Heine ist da gutes Beispiel.
Unterbrechen und Fortsetzen als Kriterium? Das hängt wohl mehr von der Rezeptionsfähigkeit ab: Wenn ich das Buch der Lieder verinnerlicht hab, wird es mir alltäglich, kommen mir selbst Vertonungen (dazu später) profan vor.
Könnte ich Gedichte wie Briefe _vor_lesen – welchen Sinn machte dann noch eine Unterscheidung zwischen Lyrik und Prosa? Man gibt sie auf, Ockham mags zufrieden sein, ein großer Sprachbrei, mal rhythmischer, mal nicht.
Was mir hier fehlt, ist der reizende, ja ätzende Dualismus zwischen dem gelesenen und dem gesprochenen Gedicht. Je mehr Menschen hören, wie sie sehen – konsumatorisch – desto mehr werden sie lesen wie sie hören. Was das Problem der Hörbücher darstellt: Die unterschiedliche Reflektion. Begründet mag sie sein im erhöhten Aufwand, den Gedanken nachgehen zu können: Das Hörbuch zu unterbrechen, ist schwieriger, als das Lesen zu unterbrechen. Einen Querverweis nachzuschlagen ist einfacher im Buch. Hier sind die Mechaniker weit entfernt von sinnvoller Machbarkeit. Vielleicht einmal der klingende eBook-Reader.
Aber da kommt das Interessante bei den Slams: Hier haben sich die "Subkulturen" (noch so ein zu zerfleddernder Begriff) von Pop-, Soul- und Rapmusikliebhabern und Dichterlesungfrustrierten, meist auch Fußball- resp. Sportbegeisterten, zusammengefunden.
Der Anlass ist löblich: Immerhin beschäftigen sich Menschen mit etwas, das sie für Lyrik halten. Thematisch ist die Auswahl erschreckend: Vieles bleibt jugendliche, pubertäre Selbstexpression. Der Herzschmerz, das Selbstbehauptenwollen/-müssen; die anderen als Spießer, das Wir der Werbemarken: Du auch Sinalco? Eben das lässt sich aber gut konsumieren, das sind die Gemeinplätze, die dann Grundlage einer teils atemberaubenden, aberwitzigen sprachlichen Artistik werden. Hier macht auf einmal der Binnenreim Spaß, weil er zwingend wirkt und über den Zwang zu einem anderen, unerwarteten Gemeinplatz führt.
Mir scheint dieses Genre weit näher am Kabarett der 1910er Jahre zu liegen, artifizielles Jonglieren mit Wörtern und Banalitäten, alles mit dem Künstlerduktus angehaucht. Das dann mit dem – zum Glück noch nicht völlig veramerikanisierten – fragwürdigen Nervenkitzel des Wettbewerbs, des Siegens, gar nicht so weit entfernt von den institutionalisierten Dichterpreisen, nur quasi-demokratisiert. Schrei am besten, dann siegst Du! Welch eine Grundlage für Lyrik.
Dass sich die Gedichte der Poetry Slams meist so miserabel lesen lassen (Ausnahmen vorhanden, z.B. Nora-Eugenie Gomringer), verwundert nicht besonders – die hörende und lesende Reflektion ist unterschiedlich; hörend – mehr konsumierend, weniger am Wort- als am Klanggedanken; lesend mehr die Inhalte entziffernd und enttäuscht über die Pubertätsbanalitäten.
Macht es uns wirklich alle zu Brüdern und Schwestern, dass wir Hunger haben, Essen und Verdauen müssen und mit bestimmten Markennamen aufgewachsen sind? Wenn schon nicht Mörike und Mozart, dann das?
******* Zum Programm *******
Lautstärke und Zigarettenrauch luden zudem wenig zum Verweilen ein. Ebensowenig die leicht manipulativen Unterbrechungen der Moderatoren – teils wurde der Applaus einfach unterbrochen, teils nicht.
(Ich scheine mich rechtfertigen zu müssen. Der stille Vorwurf, die Sprechartistik der anderen Teilnehmer nicht ausreichend gewürdigt zu haben).
Moderator war unter anderem Bas Böttcher, der zum gelackten Berufsjugendlichen mutiert, geschäftig, mit Schnauzbart wäre es ein R. Strauss par exemple.
Andy Ninvalle (NL – Ehrengast). Indiskutabel, höchstwahrscheinlich, weil auf Englisch.
Ken Yamamoto (Japan/D/F) – Mainzer (?), jedenfalls ist der Hinweis Japan/D/F irreführend, eindeutig ein Deutscher. Machts aber nochmal so interessant. Lyrik.
Bohdan Blahovec (CZ): Improvisiert, hätte die Fähigkeit, Massenhysterien auszulösen. Keine Lyrik.
Betti Synclar (CH): Traut sich mitzuteilen, dass auch sie eine Frau ist und Bedürfnisse hat, die sonst eher nur ein Mann äußert. Peinlich.
Antoine "Tô" Faure & Damien Noury (F): Artistik, sehr professionell. Ihr Hymnus an den Slam: Sie leben davon, das merkt man, die Dankbarkeit deshalb verständlich.
Orsolya Karafyiath (HU) – Trat mit "Kult-Schlagersängerin" auf. Peinlich, resp. bemüht und auch noch peinlich.
Sara Ventroni (I) – Wenn ichs recht verstand, lamentierte sie ziemlich lang darob, dass niemand sie verstehen könne und was da alles zu sagen wär. Eindrücklich.
Salena Godden (UK) – Selbstverliebt, selbstüberheblich, keine Lyrik.
6. September 2007 von KG
Ein Eintrag auf Englisch sollte das werden, jetzt nach reichlich viel gesprochenem Deutsch seh ich davon ab: Der Wechsel ist dem Fluss abträglich.
Africadian – eine Wortschöpfung von G.E. Clarke (und hier), die "African", "Canadian" und "Acadian" verwebt und und jetzt, nach achtzehn Jahren, gar Einzug in den Oxford Thesaurus gefunden hat. Sie verrät zugleich einen wesentlichen inhaltlichen Schwerpunkt der literarischen Produktion Clarkes: Die Positionsbestimmung der Afrokanadier, speziell der in Nova Scotia. Die Hybris der für Clarke miteinander unvereinbaren kulturellen (und sprachlichen) Wurzeln England und Frankreich (Clarke beansprucht für sich, nicht ausreichend gut Französisch sprechen, wohl aber lesen zu können), die eindeutig auf Europa ausgerichtete Sozialstruktur erschwerte den offenbar ungemein zergliederten afrikanischen "Communities", sich eigenständig, "native-africadian", zu äußern.
In Clarke haben sie eine Stimme gefunden. Was für eine! Beim Rezitieren bebt sein Körper und wiegt sich metrisch – der Einsatz erinnert an Poetry Slams, die allerdings gar nicht erst erfunden worden wären, wenn alle Dichterlesungen wie Clarkes ausfielen. Einzig die Inhalte sind anspruchsvoller und auch die "Machart" weitaus artifizieller. Clarke las im internationalen Club (leider keine Homepage) – neben drei unveröffentlichten Gedichten aus Whyla Falls, Illuminated Verses, Blue und Black sowie den Opern Quebecité und der Trudeau-Oper NN. Zu den gelesenen Opernpassagen wurde auch die Musik (DD NN) gespielt – gefällig, musicalartig, nicht mit europäischer Oper zu verwechseln.
Für den Europäer scheinen die Gedichte leicht, süffig – die Hermetik Klings oder Celans erfordert Mühe, lässt stets einen letzten Zweifel zurück, in jeder Passage, wegen des nie ganz erklärbaren Gesamtzusammenhangs. Clarks Gedichte erfreuen durch ihre teils eindeutigen Aussagen, die mit gutlautenden, teils irritierenden, Wortkombinationen ins Ohr gebracht werden und so die Auseinandersetzung mit den wenig hermitschen klaren politischen Inhalten ermöglichen. Das erinnert an Neruda ein wenig: ein Dichter, der anderen, anderen Anliegen, fern der Selbstexpressivität, seine Stimme leiht.
Sehr angenehm: Die Political Correctness, die in den Gesprächen vor und nach der Lesung gepflegt wurde, war von einer positiven Grundhaltung geprägt: Politisch korrekt sich verhalten, nicht um unangreifbar zu sein, sondern um anderen – ernsthaft bemüht – gerecht zu werden.
6. September 2007 von KG
Der immer wieder gedachte Gedanke des bereits millionenfach Gedachten: Frisch erwähnt ihn anlässlich seines Parisbesuchs (TB I,S. ###). Wie reagiert Frisch? Er zieht sich zurück, auf seine persönliche Herkunft, aufs Intime, seine Sozial-DNA.
Das funktioniert bei ihm, aber was macht jemand, der bemerkt, dass ihm dieser Rückzug verwehrt ist, weil seine Herkunft ebenso wie sein Person nur den Rückschluss auf ein millionfach wiederholtes Dasein zulassen?
1. September 2007 von KG
Frisch-Diktum "Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur" [Gesammelte Werke, Bd. 2, Tagebuch 1946-1949, S. 361].
Am Wort klebend: Papier entfalten, in jedem Fall verändert, vergrößert sich etwas im Raum, doch das Blatt Papier bleibt das Blatt Papier.
Aber ohne das Wissen um das Ganze, dass sich da entfaltet, ist es einerlei. Die Entfaltung ist Verwandlung für die Person selbst, erst recht für die Außenstehenden. Das, was man ist, entzieht sich dem Erkennen und kann so stark verändert/entfaltet werden, dass man wie verwandelt ist. Ausgehend von Unendlichkeit in jedem, macht der Ansatz erst recht keinen Sinn. Thought smell, mir zu deterministisch, wenn es nur so zitiert wird. Dass es so nämlich nicht gemeint ist, dürfte aus dem nachfolgenden Passus folgen, "Wir können nur, indem wir den Zickzack unsrer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennen lernen (…)".
31. August 2007 von KG
Auf der Suche nach dem thought smell *: Weshalb dieses Unbehagen mit Literaten, die Literaturwissenschaft studierten, Komponisten, die Musikwissenschaft belegten?
Weshalb ist Brahms mir einerseits sympathisch – weil er die Musikwissenschaftler so verachtete, andererseits aber auch Ligeti, weil er sich genauestens, "quasi-wissenschaftlich", mit Ockeghem beschäftigte?
Warum scheint mir Klings Ansatz, lautassoziierend das Rotwelsche einzuflechten, ein wenig steif und auch ein wenig unredlich und weshalb würde ich erst recht denken, Kunstgeschichte zu studieren, sei kein guter Weg, um sich als ~Künstler~ (iSv "Bildende Kunst" Betreibender) auszubilden?
Wäre mir Ingeborg Bachmann nicht weniger sympathisch, wenn sie lediglich Germanistik studiert und über Celan oder gar expressionistische Dichtung promoviert hätte? Aber Philosophie und Heidegger – das ist doch was, das geht doch noch???
Da ist ein Graben, den spür ich, zwischen Wissenschaft und Kunst. Nicht der Humor kann es sein, nicht der Ernst: In Fußnoten (ihr entzückendes selbstrekurrierendes Denkmal ist die Schwanitzsche) gibts viel zu brüllen und in manchen Stücken, "Werken", viel zum Gähnen.
Nicht der Wunsch ists, an die anderen heranzugehen, etwas mitzuteilen, das Mitteilungsbedürfnis.
Wahrheit, also? Da gibts ja die "künstlerische Wahrheit", die zählt im Multiversum genauso.
Methode? Wie akribisch geht Yves Klein vor, welch großartiges Bibelkompendium ist der Ulysses, wie radikal-methodisch tönt der Serialismus.
Wiederholbarkeit des Versuchs, vielleicht.
29. Juni 2007 von KG
Und noch eins:
gebräunt; blondiert im hautkot-
ürfummel, getrimmte zungen; pflaumige
Da kann man kaum davon sprechen, das wäre nur zum Hören gedacht?
Der "hautkot" (selbst mit rheinisch gefärbter Aussprache wäre der Reiz nicht so groß wie beim Lesen, wo einem die fehlerhafte Assoziation wegen der fehlerhaften inneren Aussprache stärker verwirrt), der später in der "regenhaut" anklingt (nebst einem ganzen Feuerwerk von Binnenreimen/-klängen), Klings häufiges Spiel mit Zeilenumbrüchen ("Intertextualität") lässt mir die "Klanginstallation", dies in Itinerar geradezu krampfhaft-bemüht postulierte Konstrukt (im Interview auf literaturkritik.de dagegen weitaus entspannter und nicht so profilierungssüchtig), noch zweifelhafter erscheinen.
Wie sagt doch mein hochgeschätzter F.B.: "Marketing ist immer Beschiss".
Was, wenn man hinter dem Begriff "Klanginstallation" reines Marketing wähnte???
29. Juni 2007 von KG
Derzeit mit 5% des Unterbewussten im lyrischen Sumpf watend. Während der Kling-Lektüre war mir eines weniger behaglich: Der attributive Stil, z.B.
angeritzt in der verkehrsmitte, deut
licher november, hingestürzte -nacht;
("bei ungeputzten scheibn")
-bedeckungen, blindgebliebene hände; auf
gekratzte knallige pärchen, speedpärchen
angeknallt ("gefroren, gemacht, nachts")
So sehr hier auch sprachliche Virtuosität vorhanden ist (schon bei stummer Lektüre) – mit diesen attributiven Aufzählungen tu ich mir schwer. Sie entsprechen meinem Schlechtbeispiel ("Antipattern") für bemühte Gegenwartslyrik.
Deshalb natürlich, weil jeder Schüler, der Lyrik zu schreiben beginnt und über die traditionellen Formen hinausgekommen ist, eine Weile lang sich (ausschließlich) darin versucht.
Das Kling anzulasten, wäre völliger Unsinn, dürfte bei ihm eher reizendes Stilmittel sein, zeigt mir aber, wo ich noch stehe:
Direkt hinter dem Schüler…
Immerhin: Warum nicht einmal diese Statik quälend ausbreiten und dann - rumms! - Handlung einbetten?
13. April 2007 von KG
Zu einer Diskussion mit F.H.: Meine Klage, was eigentlich von mir "übrigbliebe", wenn ich über Nacht stürbe? Wofür ich retrospektiv also meine Zeit aufgebracht hätte? Die Auffassung, die dahinterliegt, zielt ja darauf ab, "etwas" zu hinterlassen, dieses "etwas" wäre dann das Ergebnis der überwiegenden Lebenstätigkeit. In meinem Fall verwende ich den Großteil meiner Zeit mit dem Erwerb des Lebensunterhalts, von dem der Großteil wieder in die Immobilienfinanzierung fließt.
Die erschreckende Antwort wäre also, ich verwendete mein Leben, um ein eher schäbiges Haus in einer wenig liebenswerten Stadt zu bezahlen*. Hier äußerte ich die Meinung, dies wäre doch erbärmlich, wozu F. mir beipflichtete.
Fragte man sich jetzt, weshalb das erbärmlich wäre, käme man leicht darauf, dass in meinem Wertgefüge ein Haus weit weg von allem Wert ist.
Selbst wenn es ein schönes Haus wäre, würde mir der Satz – "sein Leben widmete er ganz dem Erwerb eines schönen Hauses" widersinnig erscheinen. Ohne eine detaillierte Wertskala ausarbeiten zu können, meine ich aber, dass Sätze wie "sein Leben widmete er dem technischen Fortschritt [oder der Menschheit oder der Kunst etc.]" viel sinnvoller sind, wobei die dahinterliegenden Kategorien wieder nah an diejenigen heranreichen, die den Schelerschen Typen zugrundeliegen dürften.
Mir ist schon bewusst, dass es nicht wenige gibt, die sich damit zufrieden geben, wenn über sie gesagt würde "hat sein Leben dafür verwendet, gut zu essen und zu trinken und einmal im Jahr eine größere Reise zu unternehmen", oder "er widmete sein Leben dem Erwerb von gebrauchten Automobilen, Mobiltelephonen, Fernsehern und Einrichtungsgegenständen" etc. etc.
Hier liegt ganz deutlich eine Wertdifferenz vor (eher: eine Wertdissonanz): dieser Wert des Dahinlebens ist mir fragwürdig, anderen aber nicht. Andere mögen mir indes beipflichten, wenn ich sie fragte, ob es denn nicht besser wäre, sein Leben z.B. "der Wissenschaft" zu widmen. Sie würden dies nur nicht auf sich beziehen und Gründe dafür anführen, weshalb dies für ihr Leben nicht gelten könne.
Beginne ich aber, darüber nachzudenken, muss ich auch beginnen, für mein Leben zu folgern. Und eines stelle ich gerade fest: Dieses Haus ist es nicht wert, sich derart versklaven zu lassen, wie es bei mir allein dadurch der Fall ist, dass ich in diesem inhaltlich weitgehend submediokrem Umfeld bewege.
Bewege – nicht bewegen muss.
*Wenn ich allein vergleiche, wie wenig Zeit für die Kinder übrigbleibt!
12. Januar 2007 von KG
Derzeit Lektüre der Klemperer-Tagebücher.
Seine Beschäftigung mit der LTI regt mich an, aus der Wirtschaftssprache zu sammeln, ohne dass ich ein genaueres Ziel hätte (die LTI hab ich noch nicht erworben, mir ist gewissermaßen nur das Material bekannt, nicht aber die methodische Überlegung dazu).
Wieviel da doch zu finden ist! Nicht nur die gesamte Hierarchie – Chief Executive Officer, Executive Committee, Task Forces, die Deadline, die Resources, zu denen auch die Menschen gehören (Ressourcen werden aber normalerweise ausgebeutet, auch im Englischen ("exploit resources").
Vielleicht ist schon Philologisch-Monographisches dazu vorhanden, interessieren würde mich hier sehr, ob auch sprachliche Alternativmodelle existieren, die das Inhuman-Militaristische meiden und diese auch in Großunternehmen verwendet werden.
Interessant, dass vieles, was Klemperer übel aufstieß (die Attribuierung von Städten, also "Hansestadt Bremen" [~lustig~: "Hansestadt Köln"), nicht beendet wurde, man denke an die ganzen Lutherstädte, ich glaube auch die "Händelstadt" etc. etc. Und hier die Verknüpfung zu dem Attribuierungsspruch für Unternehmen "BlaBlaBla – We spin the universe", "BloBloBlo – Your quality choice", "BluBluBlu – Sicherheit für die schönen Momente" etc. etc.
12. Dezember 2006 von KG
Klemperer: "Deutsche" Eigenschaft: Die Feigheit, nicht – nur – die Obrigkeitshörigkeit. Vielleicht auch das Schönreden?
Ich tendiere eher dazu: Derartige (a)llgemeine Merkmale sind nicht national begründet. Eher gibt es historisch-soziologisch begründete Werteskalen, die bestimmte Verhaltensweisen bewirken.
Unabhängig davon bin ich der Ansicht, dass eine allgemeine ethische Handlungsverpflichtung besteht, aus der sich ableitet, dass man auch dann politisch handelt, wenn man das politische Handeln unterlässt. Deshalb ist derjenige, der zu Gewalt und Missbrauch schweigt, Mittäter und handelt durch Unterlassen. Ein altes Konstrukt übrigens, älter als das Recht Ulpians und Gaius’, nämlich wenigstens neutestamentarisch.
28. Dezember 2005 von KG
This evening I visited the final event of http://www.spokenwordberlin.net/.
The event was OK in general, nearly all people on the stage were good performers in the sense of pronounciation and keeping tension.
But to my sadness, around 10% of the content was about food (sic) and some 5% about brands and other 5% (as normal/as expected) copulation and sexual details, which seems to be the only knowledge that is common for nowadays people. And what I found interesting, too, was that a lot of people just laugh (in the sense of an “inspired” laughter) when they recognise sthg, independent of whether the idea behind was funny or not.
If find this interesting, because I found this kind of laughter in pseudo-educated circles where people who recognised an allusion to some knowledge trace also had this “knowing” smile/laughter.
And to be able to rhyme only (“Rita”) is not enough for me at least.
Think I liked Dalibor’s Rashomon-minus-1 (rather minus-2) “annotation” best, but also this other Berlin guy who got the “price” (one bottle “Rotkäppchen” sparkling vine and the honour, of course) together with the IMHO overrated Bas Böttcher in the first half, was good.
Anyway, the courage and the performative power is highly appreciable and though I did not have one “poetical moment” I went away with good impressions.
Generally I think, this community does not differ so much from the established/official cultural community, except of the money and the fact, that an ad hoc decision of the auditory decides about an author’s failure (and not the amount of books sold or a special jury): They establish themselves, they shake hands and are friendly to push up themselves. It’s as equal as the gamers clans are very close to the german “Verein”.
The biggest difference might be the rather sportive aspect – you get money and praise if you win a kind of match instead of getting prices because you’re a good self-marketer against jury members. Not such a very big difference. And the danger lies within the “quality” of the slam auditory – if they were completely dumb, a good (IMHO) author like e.g. Kling would not be heard because it needs time to get used to his language.
5. Mai 2005 von KG
In der letzten Zeit in meine ‘künstliche’ Sprache (insb. die Poemata) Kommentare aus der Programmierersprache eingeführt. Z.B.:
/* gesicht */
cor/*o?*/naleiden,
nicht das übersetzte
deine hand in rom.
jetzt dein blick in
meinem kopf, deine hand
an der stirn
schritten wir glücklichen
am lido, könnte dein
blick mich nur nicht halten
unerhört! unerhört. meine
haut, dein hauch. unsre
ersten lächler, die schneeïchten
tropfen, verrostete
fossilien, /* lilien */ butterblumen.
/* atzenbrugger deutsche.*/
/* ah, ye mouth! */
/* 1418 1792 die flucht. */
Nur jemand, der zumindest ein wenig mit dem Programmieren vertraut ist, wird die “Symbole” (i.e. Kommentarsyntax) zu lesen wissen.
Allerdings denke ich, dass in Zukunft weitaus mehr und andere Menschen als die Programmierer dazu in der Lage sein können und werden: Wir werden den Computer wohl niemals vermitteln können, unsere menschliche Sprache vollständig zu verstehen.
Aber wir können uns selbst beibringen, die Sprache zu verstehen, die wir den Computern beibringen.